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Negativzinsen – Wie lange beschäftigen sie die Schweiz noch?

13. August 2020

Negativzinsen sind bereits seit Jahren ein Kernthema in der Finanzbranche – Diesen Dezember «feiert» das einstige Kriseninstrument seinen 6. Geburtstag. Auch wenn die Situation für Viele zur Normalität geworden ist, sind die Gegenstimmen nie verebbt, selbst der Konzernchef der UBS hat sich als Gegner der Massnahme exponiert. Ein Blick auf die aktuelle wirtschaftliche Lage und die Gründe für die Negativzinsen zeigt jedoch: Das Minus beim Leitzins wird wohl noch lange stehen bleiben.

Warum gibt es Negativzinsen in der Schweiz?

Eine zentrale Aufgabe der Schweizerischen Nationalbank (SNB) ist die Wahrung der Preisstabilität. Zu diesem Zweck soll die jährliche Inflation bei rund 2 % liegen. Das wichtigste Instrument, das ihr für die Steuerung dessen zur Verfügung steht, ist die Festsetzung der Leitzinsen, nach denen sich ein Grossteil des nationalen Kreditmarktes sowie die Verzinsung von Bundesobligationen richten. Der Zusammenhang zwischen Inflation und Zinsniveau wird in diesem Video ausführlich erklärt (auf Englisch):

Bei der Definition der Zinsen richtet sich die SNB einerseits nach der aktuellen wirtschaftliche Lage sowie nach ihren Konjunkturprognosen für die Schweizer Wirtschaft. Weil sich die Schweiz nicht in einem wirtschaftlichen Vakuum befindet und stark von der Exportwirtschaft abhängt, muss die SNB auch berücksichtigen, welche Zinsniveaus andere Nationalbanken festlegen, insbesondere die Europäische Zentralbank (EZB). 

Als Reaktion auf die Finanzkrise von 2008 hat die EZB ihre Zinsen laufend gesenkt, bis sie Ende 2014 auf unter 0 % fielen. Zur selben Zeit hat auch die SNB die Leitzinsen erstmals im negativen Bereich angesetzt. Hier finden Sie einen vertieften Artikel zum Ursprung der Negativzinsen

Normalerweise wollen Zentralbanken mit der Senkung der Leitzinsen vor allem eines erreichen: tiefere Zinsen für Kredite, damit sich Unternehmen und Privatpersonen günstiger Geld leihen und damit schneller wachsen, beziehungsweise ihren Konsum erhöhen, können, was wiederum die Wirtschaft ankurbelt. Die SNB hingegen verfolgt mit ihren Negativzinsen primär ein anderes Ziel, nämlich die Schwächung des Schweizer Frankens. 

Dieser gilt nämlich gerade in Krisenzeiten als «sicherer Hafen», da er im Vergleich zu anderen Währungen wie etwa dem US-Dollar oder dem Euro sehr wertstabil ist. Steigt nun die Nachfrage nach Schweizer Franken, weil Investoren die Währung entweder direkt halten oder vermehrt in Schweizer Investments anlegen möchten und dafür Franken kaufen müssen, so steigt auch der Frankenkurs. 

Für die Schweiz, die rund die Hälfte ihres Bruttoinlandsprodukts mittels Exporten erwirtschaftet – einer der höchsten Exportanteile weltweit–, hat dies empfindliche Folgen, da Schweizer Produkte im Ausland teurer werden. Also schwächt die SNB den Frankenkurs, indem sie auf der einen Seite Fremdwährungen, beispielsweise Dollar und Euro, kauft und auf der anderen Seite die Leitzinsen niedrig hält. Mit -0.75 % sind diese seit längerem die niedrigsten auf der ganzen Welt. Durch dieses Zinsniveau werden Investments in der Schweiz relativ zu anderen Ländern unattraktiver – so rentieren beispielsweise Staatsanleihen seit Jahren grösstenteils im negativen Bereich, und sind damit weniger nachgefragt.

… und dann kam Corona

Mit dem Ausbruch der Pandemie im Frühjahr 2020 kamen auch Angst, Grenzschliessungen und eine praktisch vollständige Vollbremsung der Wirtschaft. Covid-19, beziehungsweise die Massnahmen der Regierung zur Eindämmung des Virus, haben neben der Senkung der Ansteckungen und Todesfälle auch massive wirtschaftliche Schäden verursacht: Das BIP ist eingebrochen, zahlreiche Arbeitsplätze gingen (und gehen) verloren und die Konsumentenstimmung erreichte einen historischen Tiefpunkt. 

Entsprechend diesen Entwicklungen wurden auch sämtliche relevanten Prognosen nach unten korrigiert, wie etwa diejenige für die Konjunktur:

«Die Expertengruppe des Bundes erwartet für 2020 den stärksten Rückgang des BIP seit Jahrzehnten. (…) Die Expertengruppe erwartet für das Gesamtjahr 2020 einen Rückgang des BIP von 6,2 %»

Konjunkturtendenzen Sommer 2020 des SECO, S. 21

Und auch die Inflation fällt ins Negative: per Sommerbeginn 2020 lag sie bei unter -1 %. Entsprechend prognostiziert die SNB für das laufende Jahr als Ganzes eine Inflation von -0.7 % und für 2021 von -0.2 %. Genau diese Prognosen sind es, nach denen die SNB ihre Zinsentscheidungen orientiert. 

Zahlreiche andere Länder sehen sich ähnlichen Situationen und Aussichten gegenübergestellt – Die globale Wirtschaft wurde arg in Mitleidenschaft gezogen und eine grosse Unsicherheit hat die Finanzmärkte fest im Griff: Wie werden die Infektionsraten verlaufen? Wird es weitere Grenzschliessungen und Lockdowns geben? Und so nimmt auch die Bedeutung des Schweizer Frankens als «sicherer Hafen» rapide zu, da zahlreiche Investoren ihr Kapital in der verhältnismässig stabilen Schweiz anlegen möchten.

Fazit

Die Aufgabe der SNB wurde mit der Coronakrise um ein Vielfaches erschwert, und das an mehreren Fronten: Die Inflation entfernt sich nicht nur stark vom 2 %-Ziel, sondern die erhöhte Nachfrage nach Schweizer Franken zwingt die Notenbank auch, ihr Engagement zur Schwächung der Währung weiter zu erhöhen – über 34 Milliarden Franken hat sie alleine im ersten Quartal 2020 zu diesem Zweck ausgegeben. 

So ist es denn auch keine Überraschung, dass sich die meisten Experten einig sind, dass mit einem Zinsaufschwung in der Schweiz in den nächsten Jahren nicht zu rechnen ist. 

Und das, obwohl die Kritik an Negativzinsen nicht abreisst: Einerseits von den Pensionskassen, die zunehmend Schwierigkeiten haben, die benötigen Renditen zu erwirtschaften, um die Renten zu decken. Andererseits von internationaler Seite: Jüngst attestierten mehrere Studien, die im Juli 2020 an einer Veranstaltung des Internationalen Währungsfonds präsentiert wurden, Negativzinsen ein schlechtes Fazit in vielerlei Hinsicht. Eine Studie kam etwa zu dem Schluss, dass Firmen die günstigen Kredite gar nicht unbedingt in Steigerungen ihrer Produktivität investieren, sondern das Kapital oftmals für Auszahlungen an ihre Aktionäre ausgeben. Damit können sie ihre beabsichtigte Wirkung, nämlich die Wirtschaft anzukurbeln, zu wenig, beziehungsweise gar nicht erfüllen.

Thomas Jordan, Präsident der SNB, konterte, indem er auf die besondere Situation der Schweiz sowie die Aufgabe der Negativzinsen hierzulande aufmerksam machte. Er steht weiterhin fest hinter diesem Instrument.

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