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Investieren, Markt

Negativzinsen – Fluch oder Segen?

25. September 2019

Für Einige Fluch, für Andere Segen – Realität sind sie jedoch seit Jahren: die Negativzinsen. Wie entstanden sie? Welche Auswirkungen haben sie auf die Wirtschaft? Und wohin bewegen sie sich in Zukunft?

In typisch trockener Manier präsentierte Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), am 12. September 2019 die aktuellen Entscheidungen seiner Institution betreffend Geldstrategie:

  • Die Negativzinsen für Banken, die Geld bei der EZB lagern, werden von –0.4 auf –0.5 % erhöht.
  • Per 1. November 2019 wird die EZB ihr Anleihekaufprogramm wieder aufnehmen, um dem EU-Markt monatlich 20 Milliarden Euro zur Verfügung zu stellen. 
  • Die Leitzinsen bleiben bei 0 %.

Aus heutiger Sicht ist diese Meldung nicht weiter überraschend. Vor nicht allzu langer Zeit hätte man sie hingegen als komplett absurd abgetan – Was ist also in der Zwischenzeit passiert?

Am Anfang war die Inflation

Geplatzte Immobilienblase, Untergang der Bank Lehmann Brothers, Rezession – Die grossen Schlagzeilen der Finanzkrise 2007 / 2008 sind gemeinhin bekannt. Eine weitaus weniger besprochene Auswirkung dieser turbulenten Konjunkturphase war ein starker Abfall der Inflation innert kurzer Zeit, in der Eurozone zum Beispiel von über 4 % auf unter 0 %.

Hier griff die EZB – sowie auch andere Zentralbanken in ihren jeweiligen Ländern – in das Geschehen ein, denn ihre Hauptaufgabe ist es, das Preisniveau in der Eurozone stabil zu halten. Konkret bedeutet dies, dass sie eine jährliche Inflation von knapp 2 % anstrebt. Zu diesem Zweck kann sie zwei primäre Instrumente einsetzen:

  • Anpassung der Zinssätze: Hierbei verändert die Zentralbank den Zinssatz, für den Geschäftsbanken bei ihr Geld leihen, beziehungsweise lagern, können. Dieser Zinssatz hat einen direkten Einfluss auf die Zinsen, die die Banken auf dem Markt anbieten, beispielsweise bei der Kreditvergabe oder auf Sparkonten: Müssen die Banken mehr bezahlen, um selbst Geld zu leihen, werden sie auch mehr verlangen – in Form von Zins –, wenn sie dieses als Kredite weitervergeben. 
  • Anleihekäufe: Die Zentralbank kauft Wertpapiere bei Geschäftsbanken, zum Beispiel in Form von Staatsobligationen. Dadurch erhöht sich die Geldmenge, die im Umlauf ist, weshalb der Preis für Geld – der Zinssatz – sinkt. Die Idee ist, dass dieses zusätzliche Geld in den Konsum und als Investition in Unternehmen fliesst, um dort das Wachstum und die Schaffung von Arbeitsplätzen zu fördern.

Bereits im Oktober 2008 begann die EZB damit, die Zinsen zu senken, von zuvor 3.25 % auf 2.75 % für Einlagen der Banken. Auf weitere Senkungen folgte im Sommer 2014 dann der historische Schritt: Die Einlagezinsen wurden unter 0 % angesetzt – ein Trend, der bis heute anhält.

Trotz der tiefen Zinsen begann die Inflation ab Ende 2011 wieder zu sinken, bis sie im Dezember 2014 im negativen Bereich lag – Sie wurde zu einer Deflation.

Als Reaktion auf diese Entwicklung griff die EZB zum zweiten, ihr zur Verfügung stehenden Instrument: Sie startete ein Anleihekaufprogramm: Zwischen März 2015 und März 2016 kaufte sie Wertpapiere im Wert von 60 Milliarden Euro – pro Monat. Diese Summe wurde per April 2016 auf 80 Milliarden erhöht und dann schrittweise auf 15 Milliarden gesenkt, bis das Programm Ende 2018 vorläufig beendet wurde. Die Inflation lag zu diesem Zeitpunkt wieder bei leicht über 2 %. Seither ist sie jedoch erneut auf 1 % gesunken, weshalb die EZB ab November wieder Anleihen kaufen wird.

Die Folgen

So weit die Entwicklung der letzten Jahre. Doch welche Auswirkungen hat die aktuelle Niedrigzinspolitik der EZB auf die Schweiz?

Auch ohne EU-Mitglied zu sein, ist unser Land stark von den wirtschaftlichen Geschehnissen in den 28 Mitgliedsstaaten der EU abhängig: 60 % des Schweizer Aussenhandels (Importe & Exporte) werden mit Euroländern abgewickelt. Entsprechend wichtig ist der Wechselkurs zwischen Euro und Franken. Um diesen nicht aus dem Gleichgewicht zu bringen, folgt die Schweizer Nationalbank (SNB) in der Regel den Zinsentscheidungen der EZB in weiten Teilen.

Das Zinsniveau ist eine entscheidende Grösse in der Wirtschaft – So gut wie alle Akteure sind davon betroffen: Firmen, Staaten, Investoren und Konsumenten.

Letztere erhalten seit Jahren nur noch einen vernachlässigbaren Zins auf ihren Sparkonten. Ab einer Einlagesumme von CHF 250’000 werden je nach Bank bereits Negativzinsen weiterverrechnet. Eine absurde Situation: Sparer müssen den Banken Zins dafür zahlen, dass sie ihnen Geld ausleihen.

Die kürzlichen Verschärfungen der EZB schaffen weitere Verunsicherung bei Kleinsparern: Werden sie bald auch auf geringen Beträgen Negativzinsen bezahlen müssen? In der Schweiz kann für ein solches Szenario vorerst Entwarnung gegeben werden – Die SNB hat sich jüngst dazu entscheiden, die Leitzinsen vorerst nicht weiter zu senken. Somit dürfte sich kurzfristig auch an den Zinsen der Bankkonten von Herr und Frau Schweizer nichts ändern.

Auf der anderen Seite der Medaille war es noch nie in der jüngeren Geschichte dermassen günstig, Kredite aufzunehmen: Seit 2011 sind beispielsweise die durchschnittlichen Zinsen für Hypotheken mit 10 Jahren Laufzeit von etwas über 3 % auf knapp 1 % gesunken – Viele Anbieter verlangen gar deutlich weniger als 1 % für solche Hypotheken.

Dies macht sich auf dem Immobilienmarkt bemerkbar. Gerade den Pensionskassen gehen zusehends die Anlagemöglichkeiten aus, da aufgrund des Zinsniveaus viele ihrer anderen Investments nicht mehr die nötigen Renditen bringen. Also investieren sie seit Jahren verstärkt in Immobilien, als eine der wenigen verbliebenen Optionen, die nach wie vor attraktive Renditen versprechen.

Entsprechend steigt das Angebot an Wohnungen – bei kaum verändertem Bevölkerungswachstum. Die Folge: steigende Leerwohnungsziffern, vor allem in gewissen ländlichen Regionen und Agglomerationslagen. Dies ist eine Entwicklung, die auch private Investoren im Auge behalten sollten.

Neben den Pensionskassen spürt auch die AHV den Druck des Zinsumfeldes. Wie die Pensionskassen investiert auch sie vornehmlich in sichere Anlagen mit niedrigen Zinsen wie etwa Obligationen. Doch diese werfen kaum noch Renditen ab: 10-jährige Bundesobligationen «rentieren» zum Beispiel seit Ende 2015 fast durchgehend im negativen Bereich.

Dies hat zur Folge, dass die Renten der Versicherten sinken und die öffentliche Altersvorsorge zusehends unsicherer wird.

Negativzins, quo vadis?

Der erneute Start des Anleihekaufprogramms der EU zeigt eines sehr deutlich: Die Negativzinspolitik bringt nicht (mehr) die gewünschten Resultate.

Ein gewichtiges Problem dabei ist, dass die Zentralbanken nach wie vor an überholten Denkmodellen festhalten: In den westlichen Industrieländern gibt es seit Jahren keine nennenswerte Inflation mehr. Eine solche künstlich schaffen zu wollen, ist offensichtlich nicht zielführend.

Die grosse Frage ist nun: Wie werden sich die Zinsen weiterentwickeln?

Nun, dies hängt neben dem Verlauf der Inflation entscheidend vom (erwarteten) Wirtschaftswachstum ab. Aktuell gibt dieses wenig Anzeichen zur Annahme, dass bald ein Boom zu erwarten ist – und damit die Zinsen wieder erhöht werden könnten.

Das Staatssekretariat für Wirtschaft SECO korrigiert seine Prognosen für das BIP-Wachstum in der Schweiz seit einem Jahr konstant nach unten – zuletzt von 1.2 auf 0.8 % (für 2019). Ähnlich steht es um die Aussichten für den Euroraum, Grossbritannien sowie die USA und China, die unter dem anhaltenden Handelsstreit leiden.

Diese schleppende Entwicklung der Konjunktur ist jedoch noch kein Grund zur Sorge: Solange sie stabil verläuft oder sogar wieder anzieht, haben die Zentralbanken wenig zu befürchten. Was aber, wenn früher oder später die nächste Wirtschaftskrise mit anschliessender Rezession ansteht? Im Durchschnitt erfordert eine solche Situation eine Senkung der Zinsen von 3 bis 6 Prozentpunkten. Für eine solche Massnahme haben die Zentralbanken beim aktuellen Zinsniveau aber keinen Spielraum mehr.

Oder etwa doch?

Anfang dieses Jahres veröffentlichte der Internationale Währungsfonds (IWF) eine Idee für eine solche Situation, die hohe Wellen schlug: Sollten die Negativzinsen weiter steigen und auch auf Kleinsparer angewendet werden, droht ein «Bank Run» – Viele Kunden würden vermutlich signifikante Mengen Geld von ihren Konten abheben und es in Form von Bargeld lagern, anstatt es auszugeben oder zu investieren, wie von den Zentralbanken vorgesehen. Dadurch verlören die Negativzinsen viel von ihrer lenkenden Wirkung.

Um dies zu verhindern, schlägt der IWF vor, bestehende Währungen in zwei Versionen zu teilen, Bargeld und elektronisches Geld (Bankeinlagen). Über einen Wechselkurs zwischen den beiden Währungen könnte dann der Wert des Bargeldes stets dem der Bankeinlagen angepasst werden.

Möchte die Zentralbank also die Zinsen zum Beispiel auf – 4 % ansetzen, könnte sie gleichzeitig Bargeld gegenüber Bankeinlagen um dieselben 4 % entwerten. 100 Franken Bargeld wären dann nur noch 96 Franken elektronisches Geld wert. Geschäfte, die Bargeld annehmen, würden ihre Preise anpassen und in beiden «Währungen» angeben. Dadurch würde das Geld in jedem Fall entwertet, ob es nun auf der Bank oder unter der Matratze liegt.

Damit wären auch hohe Negativzinsen umsetzbar, jedenfalls theoretisch – Wie gross die Akzeptanz seitens der Konsumenten und der Wirtschaft für eine solche Massnahme wäre, steht auf einem anderen Blatt. Auch könnten sich in einer solchen Situation andere Geldsysteme, wie etwa Blockchain-basierte Währungen, durchsetzen und zur ernsthaften Konkurrenz für die staatlichen Währungen werden.

Somit resultiert die übliche, leider unbefriedigende Antwort, wenn es darum geht, Aussagen über künftige Entwicklungen zu machen: Es hängt vom weiteren Verlauf diverser Faktoren ab, darunter: Inflation, Konjunktur, Konsumenten- und Investmentverhalten im Markt sowie die Strategie der Zentralbanken.

Nach aktuellem Stand werden sich die Zinsen voraussichtlich noch eine Weile nicht signifikant in die positive Richtung ändern. Die Zentralbanken haben es mehrheitlich in der Hand – Von ihren Entscheidungen hängt der weitere Zinsverlauf ab.

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