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Die Schweiz ist nicht Schweden – Eine Beurteilung des jüngsten Zinsschrittes der schwedischen Reichsbank

27. Januar 2020

Seit dem 8. Januar 2020 sind Negativzinsen in Schweden Geschichte. Zumindest vorerst. Die «Riksbanken» – die älteste Nationalbank der Welt – hat umgesetzt, was viele Kritiker in der Schweiz seit längerem von der SNB fordern: den Ausstieg aus den Negativzinsen. Da stellt sich augenblicklich eine Frage: Wieso können die Schweden, was wir nicht können?

Im Sport waren die Schweden uns Schweizern in den letzten Jahren besonders in den wichtigen Momenten immer einen schmerzhaften Schritt voraus. 2013 und 2018 verloren die Eishockey-Männer jeweils den WM-Final. Unvergessen ist die bittere 1:0-Achtelfinalpleite an der Fussball-WM 2018. Und jüngst verloren die Unihockey-Damen den Final an der Heim-WM in Neuenburg in der Verlängerung. 

In wichtigen Momenten scheinen die Schweden – zumindest im Sport – stets einen kühlen Kopf und ein gutes Händchen zu bewahren. Doch gilt das auch in Sachen Geldpolitik? Der schwedische Ausbruch aus der Negativzinspolitik ist Wasser auf die Mühlen der zahlreichen Kritiker, welche in der expansiven Geldpolitik der SNB schon lange mehr Nach- als Vorteile sehen. Die Forderung ist klar: Was in Schweden möglich ist, soll auch in der Schweiz geschehen.

Die Schweizer Nationalbank gerät mit Ihrer expansiven Geldpolitik zusehends in die KritikSchweizerische Nationalbank

Schweizerische Nationalbank

Doch sind die Szenarien wirklich vergleichbar? Bei genauerer Betrachtung eröffnen sich Gemeinsamkeiten – aber auch gewaltige Unterschiede:

Uneinige Experten

Als die Zinsen in Schweden im Jahr 2015 unter Null gedrückt wurden, geschah das – ähnlich wie in der Schweiz – nicht ohne Kritik. Denn das Wirtschaftswachstum war gut. Auch in den darauffolgenden wachstumsstarken Jahren wären die Voraussetzungen für einen frühzeitigen Ausstieg aus dem Negativzinsumfeld zumindest in dieser Hinsicht gegeben gewesen. Nun sorgt das Timing für Stirnrunzeln. Denn die Wachstumsprognosen in Schweden sind schwach. Nicht wenige Experten interpretieren den Schritt als Prinzipienentscheid, bei dem die Sorge vor den negativen Auswirkungen einer längeren Negativzinsphase höher gewichtet wurde, als jüngste geld- und marktpolitische Entwicklungen. Raus aus den Negativzinsen – egal, zu welchem Preis? Die Meinungen der Experten in der Schweiz sind zwiegespalten. Laut der jüngsten Umfrage des ETH-Instituts KOF empfinden 47 % der befragten Ökonomen die aktuelle Geldpolitik der SNB als angemessen. Und genau so viele bewerten sie als zu expansiv. In ihren Augen dürfte die aktuelle geldpolitische Lage angesichts der drastischen Nebeneffekte der Negativzinsen zusehends an Bedeutung verlieren.

Immobilien als Sorgenkind in beiden Ländern

Sowohl in Schweden wie auch in der Schweiz ist einer der meistgenannten unschönen Nebeneffekte der Negativzinsen die Verzerrung des Immobilienmarkts. Mangels Alternativen bietet dieser für private und institutionelle Investoren aktuell konkurrenzlose Renditen. Die Nachfrage nach Immobilien ist so gross wie die Angst vor unkontrollierten Preisexplosionen. Weiter befeuert wird dieser Umstand durch die Vergabe von günstigen Krediten. Hier zeigt sich eine weitere Parallele der beiden Länder: Die Verschuldung der Privathaushalte ist beiderorts überdurchschnittlich hoch. Sowohl die schweizerische wie auch die schwedische Nationalbank sehen die Politik in der Pflicht, Verschuldungsanreize zu dämmen. Die Reichsbank verweist dabei auf Massnahmen im Steuerbereich und in der Wohnungspolitik. Die SNB setzt gemeinsam mit der Finanzmarktaufsicht (FINMA) und der Bankiervereinigung auf schärfere Kriterien für die Vergabe von Krediten für Wohnrenditeliegenschaften.

Ein ungleich grösserer Schritt für die Schweiz

Der offensichtlichste Unterschied zwische den Situationen in der Schweiz und Schweden liegt jedoch in der Grösse des Zinsschrittes, der für ein Comeback zur geldpolitischen Normalität notwendig ist. Denn während die Zinsen in der Schweiz bei -0,75 % verharren, betrugen sie in Schweden «lediglich» -0,25 %. Angesichts dieses Unterschiedes ist unbestreitbar, dass die SNB mit einem abrupten Verlassen der Negativzone weitaus drastischere Hebelwirkungen auslösen würde. Falls der Entscheid der Reichsbank – wenn auch nur zu Teilen – ein Entscheid aus Prinzip war, so wäre dies auch insofern nachvollziehbar, da für das endgültige Verlassen des Negativbereichs nur ein einzelner Zinsschritt nötig war. Die Rückkehr der SNB an die 0 %-Marke dürfte indes nur sehr vorsichtig und etappenweise erfolgen und noch viel Zeit in Anspruch nehmen.

Riksbank, 2020

Quelle: Schwedische Nationalbank

Unterschiedliche Zielsetzungen: Die Rolle der Inflation

Das Hauptargument der schwedischen Reichsbank für die Auflösung des Negativzinsen war die Entwicklung der Inflation. So zumindest begründete sie es in ihrem offiziellen Communiqué. Die Inflation befinde sich seit 2017 nahe dem angestrebten Wert von 2 %. Damit wurde das Hauptziel der Negativzinsen erreicht. Unterdessen liegt die Inflation in der Schweiz seit Jahren in einem Minibereich. Was die SNB-Führung um Thomas Jordan nur beschränkt beunruhigen dürfte. Denn die Nationalbank verfolgt mit ihrer Negativzinspolitik ein völlig anderes Ziel als die schwedische Reichsbank. Sie versucht damit ein Problem zu lösen, dass in Schweden nicht existiert: Die Überbewertung der eigenen Währung.

Die schwedische Krone ist keine Fluchtwährung

Im Gegensatz zum Schweizer Franken ist die schwedische Krone kein sicherer Hafen und wird auch nicht als Fluchtwährung genutzt. Im Vergleich zu vielen anderen Währungen ist die schwedische Krone eher schwach. Dies ist wohl der Unterschied, der am markantesten aufzeigt, dass eine Veränderung der Leitzinsen in den beiden Ländern völlig unterschiedliche makroökonomische Konsequenzen mit sich zieht. Nehmen wir an, die Schweiz würde den Leitzins von heute auf morgen auf 0 % setzen. Damit läge der Geldmarktzins in der Schweiz rund 0.5 Basispunkte höher als in der Eurozone. Das würde die Attraktivität des Frankens enorm steigern und Kapital anziehen. Das Resultat wäre eine enorme Aufwertung des Schweizer Frankens.

Fazit: Die Schweiz ist aufgrund der Stärke der eigenen Währung bei ihren Zinsentscheiden wesentlich weniger unabhängig als andere Staaten – beispielsweise Schweden. Dies, weil sie mit ihrer Geldpolitik einem Problem entgegentritt, das einzigartig ist: das Verhindern einer Aufwertung der eigenen Währung.

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